Bericht über den 69. Jour Fixe der Stiftung ex oriente: 10 Jahre Sprachschulungsreisen nach Qingdao

Die Beziehungen zwischen Deutschland und China werden immer enger, nicht nur auf einer wirtschaftlichen Ebene, sondern auch im Bereich des Kulturaustausches. Grund ist die zunehmende Beliebtheit der chinesischen Sprache in der Heimat von Goethe. Die bisher von einem Fünftel der Menschheit gesprochene Muttersprache findet begeisterte Lerner in deutschen Schulen.

Daten einer aktuellen Umfrage durch die Kultusministerkonferenz im Frühjahr 2011 zufolge liegt die Zahl der deutschen Schulen, die Chinesisch im Unterricht anbieten bzw. Partnerschaften mit Schulen in China unterhalten, bei mindestens 311, darunter 64 Schulen mit Chinesisch als eigenes Unterrichtsfach. An 33 Schulen ist eine Chinesisch-Abiturprüfung möglich. Im Schuljahr 2010/11 lernten mindestens 5.838 Schülerinnen und Schüler Chinesisch. Im Vergleich zu 2007/08 ist das eine Zunahme von fast 75 Prozent. Auch ein Lehramtsstudiengang „Chinesisch als Fremdsprache“ wird an der Universität Göttingen angeboten. Allein im Schuljahr 2010/11 waren 3.235 Schülerinnen und Schüler aus China und 3.165 aus Deutschland an einem Austausch zwischen beiden Ländern beteiligt. (Mehr Informationen unter http://www.kmk-pad.org/)

Dieser Trend spiegelt sich auch in München wider. Im Jahr 2002 reiste erstmalig eine Gruppe von Schülerinnen, die Chinesisch als Abiturfach gewählt hatten, nach Qingdao, um in einem der von der dortigen Universität angebotenen Sprachkurse ihre Chinesischkenntnisse zu schulen.

Aus diesem Anlass haben wir Herrn Prof. Guangxin Shi, den Dekan der Fakultät „Chinesisch als Fremdsprache“ an der Qingdao-Universität, eingeladen und ihn gebeten, über folgendes Thema zu sprechen: “Chinesisch als Fremdsprache: Eine interkulturelle Diskussion der Lehrmethoden”.

Herr Prof. Shi ist der Ansicht, dass Chinesisch keine besonders schwierige Sprache und gut zu bewältigen sei. Folgende Gründe hat er genannt:

  1. Aussprache und Wortschatz: Die meisten chinesischen Wörter bestehen aus einer oder zwei Silben. Zwar sind vier  verschiedene Intonationen nicht leicht zu beherrschen, aber in meisten Kontexten wird das Verstehen nicht durch falsche Betonung  gestört.
  2. Grammatik: Es gibt im Chinesischen weder Tempus, Kasus, Genus, noch Plural- und Konjugationsformen.

„Ich gehe in die Schule.“ heißt auf Chinesisch „我去学校。“ („Ich gehen Schule.“)

„Du gehst in die Schule.“ heißt auf Chinesisch „你去学校。(„Du gehen Schule.“)

„Gestern sind wir in die Schule gegangen.“ heißt auf Chinesisch „他昨天去学校了.“ („Er gestern gehen Schule.“ Das „了“ am Ende ist ein Modalwort und indiziert die Vergangenheit.)

„Wohin gehst du?“ heißt auf Chinesisch „他去哪?“ („Er gehen wo?“)

„Geht er in die Schule?“ heißt auf Chinesisch „他去学校吗?“ („Er gehen Schule?“ Das „吗“ am Ende ist ein Modalwort und indiziert eine Fragesituation.)

Gemäß Herrn Prof. Shis Erfahrungen kann ein Nicht-Chinesischmuttersprachler durch ein fünfmonatigen Intensivkurs in China grundsätzlich verstehen und sprechen lernen. Eine harte Arbeit sei aber, sich die chinesischen Schriftzeichen zu merken. Sonst könne man weder lesen noch schreiben. Obwohl die chinesische Sprache eine enorme Anzahl von Schriftzeichen beinhaltet, brauche man, laut Herrn Prof. Shi, nur ca. 1000 Zeichen, um 90% aller Zeitungsartikellesen zu können.

Am Ende des Vortrags hat Herr Prof. Shi auf die Kommunikationsfunktion der Sprache hingewiesen. Um gut zu kommunizieren, reicht Sprache alleine nicht aus, sondern das Kulturverständnis spielt auch eine wichtige Rolle.

Im Anschluss an diesen Vortrag haben ehemalige Teilnehmer der Sprachreisen in einem Bilderbogen Impressionen ihrer Exkursionen aus den vergangenen zehn Jahren dargeboten.

Daten vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie zeigen, dass China seit dem ersten Quartal erstmals wichtigster Handelspartner Bayerns ist. Wirtschaftliche Kooperationen bleiben nur nachhaltig, wenn Kulturverständnis gelingt. Und Sprache ist der erste Schritt zum Kulturverständnis.