Chinesische Musik: vielleicht doch noch eine Vergangenheit mit Zukunft

- Leo Brux

Einen realistischen Blick auf die Situation der chinesischen Musik bot Robert Zollitsch beim 44. Jour Fixe der Stiftung ex oriente; er zeigte damit das kulturelle Dilemma auf, in dem China nicht nur bezüglich der Musik steckt.

1. Noch gibt es lebendige, reiche, qualitätsvolle Volksmusik, instrumental und gesungen, aber sie schwindet dahin – wird ersetzt von westlicher bzw. westlich geprägter Musik und Karaoke. Formen und Kompetenzen gehen damit verloren.

2. Der akademische Musikbetrieb ist bisher weder willens noch in der Lage, das Erbe der klassischen Musik Chinas aufzugreifen. Er orientiert sich fast bedingungslos an der klassischen und zeitgenössischen Musik des Westens. Es dominiert – auf hohem Niveau – das Spezialistentum.

3. Bezüglich eigener, das heißt zeitgemäß chinesischer Musikstile zeigt sich China im Moment noch orientierungslos. China hat für sich noch keine schlüssige Musiksprache gefunden.

4. Was wir mit unseren westlichen Ohren als typisch Chinesisch empfinden, ist bereits westlich geprägt. Sie bedient überwiegend unsere westlichen Hörgewohnheiten; das Chinesische wird hier zum Klischee. In China selbst wird gern die im Westen praktizierte Variation chinesischer Musik übernommen.

5. Traditionelle chinesische Musik wird in der modernen Aufführungspraxis überinterpretiert – pathetisch aufgeladen, manchmal bis zum Kitsch.

Robert Zollitsch ist Münchner, spielt Zither und Guqin und komponiert – chinesische Musik. Was ihn treibt ist das Verbinden – das Verbinden des Alten mit dem Neuen, das Verbinden des Westlichen mit dem Östlichen, das Verbinden der Musiker und Komponisten im Austausch untereinander. Mit anderen Worten: Integration, die das jeweils Eigene vital und kreativ werden lässt.

Wie können die Verbindungen zu den eigenen Wurzeln wieder hergestellt werden? Wie kann das Alte für das Neue fruchtbar gemacht werden?

Im Moment ist China fixiert auf Moderne, Neuerung, Wachstum, auf Anschluss an den Westen. Das Alte steht im Weg - es wird aus dem Weg geräumt, bestenfalls ins Reservat gesteckt. Indem Robert Zollitsch einen geschichtsbewussteren, kulturbewussteren Umgang mit dem Alten und Eigenen pflegt und fördert, schwimmt er gegen den Strom.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Chinesen selbst den Wert ihrer eigenen Traditionen wiederentdecken werden, in der Musik wie in anderen Bereichen ihrer Kultur. Doch auch dann wird es wieder darauf ankommen, wie man das Alte mit dem Neuen, das Fremde mit dem Eigenen verbindet.

Tipp 1: Besuchen Sie Robert Zollitschs Website und hören Sie sich mal ein paar Musikbeispiele an!

Tipp 2: Kaufen Sie sich bei ihm die CD “Gong Linna: Jing Ye Si”. Herrliche Musik – eine wunderbare Kreuzung von klassischer chinesischer mit westlicher Musik.

Tipp 3: Robert Zollitsch empfiehlt Ihnen: Besuchen Sie das Konzert von San Chuan – im Gasteig am Montag, den 19. April!